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Schubert das Schaf. Ein Büh­nen­stück

·1223 Wörter

Ein Bühnenstück für ungefähr neun Personen.

Personen #

Bäume und Büsche
Der Wind
Friederike
Schubert
Frau Hölle
Friederikes Vater

Eine Drehbühne eignet sich am besten. Oder eine andere.

Bild 1 (Das Rothaar) #

Menschen, die als Bäume und Büsche verkleidet sind, machen bizarre Bewegungen. Ein Wind pfeift. Aus dem Hintergrund sind Schreie zu hören. Ein rothaariges Mädchen mit runder Brille hüpft herein.

Friederike: Scheiße, scheiße, scheiße!

Der Wind (Echo): Scheiße, scheiße, scheiße!

Friederike (hüpft auf eine leere Flasche): Flasche, Flasche, Flasche!

Der Wind (Echo): Flasche, Flasche, Flasche!

Ein Schaf fällt vom Himmel (von der Decke) auf den Boden und bleibt liegen. Friederike läuft erst einmal erstaunt drumherum. Der Wind und die Geräusche hören auf. Das Schaf stöhnt. Dreht sich um. Friederike guckt ihm direkt ins Gesicht. Als es aufwacht, schreien beide vor Schreck kurz auf. Freeze

Vorhang

Bild 2 (Existenzialismus) #

Friederike zeichnet einen riesigen Comic an ihrem Schreibtisch: Schubert das Schaf. Alles ist vollgemölt. Der ganze Boden ist mit Büchern, Zetteln und Zeitungen bedeckt. An die Wand im Hintergrund wird riesengroß der Comic projiziert, den sie gerade zeichnet. Plötzlich kommt ihre Oma mit einer bunten DDR-Küchenschürze herein.

Friederike: Oma Hölle!

Oma Hölle: Friederikchen! Mein Hosenscheißerchen!

Friederike: Aber Oma, du bist doch schon lange gestorben!

Oma Hölle: Ja, und? Das weißt du doch!

Friederike: Wie kannst du dann hier sein?

Oma Hölle (rezitiert oder singt dieses Gedicht):

Ich kann sein, wo ich will,  
ich will sein, wo ich kann,  
wie ein Schwein, wie ein Mann,  
wie und wo, und wann dann?

Verbietes mir,  
ich explodier  
und bin gleich schon wieder da!  
Ha ha! Ha ha ! Ha ha ha ha!

Oder nicht, Kleines? Ich bin übrigens ständig hier, unter deinem Schreibtisch, und gucke zu, wie du zeichnest.

Friederike guckt sie ungläubig an, weint fast, und versteckt sich in ihrem Bett.

Bild 3 (Friederikes Traum) #

Es wird dunkel und stürmisch. Ein Riese packt Friederike mit riesigen Händen, zieht sie am Hals aus dem Bett und schleudert sie hin und her. Sie will schreien, es kommt aber kein Ton aus ihr heraus. Im Hintergrund an den Wänden und auf dem Boden bewegen sich nach und nach immer mehr Schlangen, bis es überall nur davon zu wimmeln scheint. Dann wird die Aufmerksamkeit auf Oma Hölle gelenkt. Sie liegt eingequetscht unter dem Schreibtisch. Friederikes Bürostuhl rollt von links nach rechts und zurück, über die ganze Bühne (durchs ganze Zimmer). Oma Hölle lacht schaurig. Friederike liegt zitternd und mit Schreigesicht (ohne zu Schreien) im Bett, mit starrem Blick gen Himmel.

Vorhang

Bild 4 (Dichotomie) #

Friederike zeichnet wieder ein Schaf.

Oma Hölle: Warum zeichnest du dieses Schaf? Das nervt! Das kommt vom Paradies und will mich vertreiben!

Friederike: Aber Oma, das kann ich nicht glauben. Schafe sind doch ganz lieb und fressen nur auf der Wiese.

Oma Hölle: Bah! Schafe sind dumm. Das erkennst du schon an ihrem dummen Blick! Sie gucken nirgendwohin! Außerdem leben sie in Herden und werden von Hunden gebissen. Zeichne doch lieber ein Warzenschwein oder eine hässliche Hexe!

Friederike fängt an zu weinen. Die Tränentropfen fallen auf ihre Zeichnung (man sieht es auf der Projektion an der Wand). Oma Hölle lacht laut und dreckig.

Vorhang

Bild 5 (Schubert) #

Schubert pflückt Blümchen und summt mit Samsstimme vor sich hin. Manchmal juckt er sich am Schwanz, und wippt ein bisschen. Um ihn herum stehen die Büsche und Bäume aus Bild 1.

Schubert: Ich muss Friederike befreien. Sie ist in der Hölle.

Im Hintergrund hört man Oma Hölles Stimme.

Oma Hölle: Wenn du noch einmal dieses Schaf zeichnest, reiße ich dir alle Beine und Arme aus, du widerliches kleines Ekel!

Schubert guckt nach oben und bleibt stehen.

Vorhang

Bild 6 (Zerquetschen) #

Oma Hölle umarmt Friederike so sehr, dass sie sie dabei fast zerquetscht wird.

Oma Hölle: Ich habe dich so lieb, mein kleines Friederikchen, mein Zickchen, mein kleines süßes Ferkelchen, mein Naseweißchen und Naserotchen, meine allerliebste kleine feine …

Friederike verschwindet immer mehr in Oma Hölles Körper. Sie ist bald gar nicht mehr zu sehen.

Vorhang

Bild 7 (Dingskrausen) #

Friederike läuft in ihrem Zimmer hin und her und guckt immer wieder beängstigt unter den Schreibtisch. Sie setzt sich allein aufs Bett. Hört Geräusche. Dreht sich ständig ruckartig um. Sie setzt sich an den Schreibtisch, guckt dabei immer wieder drunter, und zeichnet Schubert das Schaf. Sie zeichnet und zeichnet und zeichnet. Dabei unterhält sie sich mit Schubert.

Friederike: Weißt du, Schubert, meine Oma ist schon lange tot, aber gestern war sie plötzlich wieder da.

Schubert: Ja, ja. So sind die Omas. Die kommen immer wieder.

Friederike: Ich fühle mich so allein. Und ich habe solche Angst, dass sie wiederkommt.

Schubert: Ach was, die kommt wieder. Aber sie kann dir nichts tun. Sie will dir nur Angst machen, die alte Schrulle, weil sie sich in der Hölle langweilt.

Friederike: Schubert, ist dir das auch schonmal passiert?

Schubert: Ja. Ich habe auch eine Oma. Aber die lebt noch und ist lieb. Sie ist U-11-Trainerin im Fußballverein von Dingskrausen.

Friederike: Ja.

Schubert: Ja.

Friederike: Es tut mir gut, mit dir zu reden.

Schubert: Siehste. Brauchst mich nur zu zeichnen!

Vorhang

Bild 8 (Depression) #

Friederike liegt in ihrem Bett und kann nicht aufstehen, weil Oma Hölle auf ihr sitzt. Oma Hölle furzt und rülpst und lacht dabei dreckig. Friederike versucht, sich aufzurichten, schafft es aber unter dem Gewicht Oma Hölles nicht. Friederikes Vater ruft aus dem Nebenzimmer, dass sie endlich aufstehen soll, weil sie zur Schule gehen muss. Es geht aber nicht.

Vorhang

Bild 9 (Explosion) #

Friederike zeichnet Schubert und Friederike zusammen in einen Comic. Explosion

Bild 10 (Sie hier?) #

identisch mit Bild 1

Dann:

Schubert steht auf und stellt sich vor Friederike. Er ist viel größer als sie. Sie gucken sich neugierig und erstaunt in die Augen. Plötzlich ertönt ein Knall. Oma Hölle kommt herein geplatzt und sieht Schubert (Friederike ist so klein, dass sie hinter ihm aus Oma Hölles Richtung nicht zu sehen ist). Schubert dreht sich zu ihr um.

Schubert: Frau Hölle! Sie hier?

Oma Hölle: Schubert! Du warst mein bester Schüler!

Friederike rennt schnell weg. So, dass Frau Hölle sie nicht sehen kann.

Schubert: Haben Sie sich verlaufen? Sie wohnen doch in der Hölle!

Oma Hölle: Wie meinen Sie das?

Schubert: Sie sind hier im Quasiland. Das ist ganz woanders.

Oma Hölle: Achso. Na sowas!

Schubert: Sie müssen immer den Schlangenspuren folgen. Dann kommen Sie sicher in der Hölle an.

Oma Hölle: Na, so ein netter Junge! geht in die andere Richtung, den Schlangenspuren folgend

Vorhang

Bild 11 (Im Quasiland) #

Friederike: Wo bin ich hier?

Schubert: Im Quasiland. Da wohnen nur gezeichnete Menschen. Hast du etwa deine Oma gezeichnet?

Friederike: Kann sein.

Schubert: Du hast dich selbst auch reingezeichnet. Mit mir zusammen.

Friederike: Es ist schön hier.

Schubert umarmt Friederike. Sie lächelt. Es geht ihr gut. Sie tanzen und spazieren zusammen. Schubert pflückt ihr einen Blumenstrauß. Man hört Lieder von Franz Schubert.

Friederike: Ich möchte für immer hier bleiben.

Schubert: Du kannst nicht, du hast Verpflichtungen. Du musst leben.

Friederike weint.

Vorhang

Bild 12 (Zurück) #

Friederike von hinten am Schreibtisch sitzend. Ein Skelett liegt drunter. Friederike schreibt ein Gedicht, das gleichzeitig ganz groß an die Wand projiziert wird:

„Zu Ende ist nun dieses Stück.
Ich will ins Quasiland zurück.“

Die Stimme von Friederikes Vater ertönt aus dem Nebenzimmer.

Friederikes Vater: Friederike! Wir müssen los! Kommst du?

Friederike steht sofort auf und geht los. Sobald die Tür zugeht, geht das Licht aus.

Ende

Autorin
Theresa Heyer
Strasbourg