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Stomatopoda

Der Abend des Kri­ti­kers war am Nach­mit­tag

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Die Sendung war nicht live, das wäre zu teuer gewesen, und überhaupt war Literatur im Fernsehen niemals so wichtig, wie die Feuilletons jahrzehntelang behauptet haben, so dass Theo Klauske sich für einmal gehen lassen wollte, ohne auf die Gesprächsökonomie der Fernsehdebatte zu achten, ohne also auf jenes balztanzähnliche Austarieren von Egos und Kenntnissen – mit einer schulterzuckenden, in ihrer Eindeutigkeit, so sehr diese auch während der kurzen, in den 2000nuller Jahren schon ausgetröpfelten TV-Mode intern wegdiskutiert worden sein mochte, letztlich auch zynischen Übergewichtung der erstgenannten, will sagen: der Egos –, Rücksicht zu nehmen, zu dem sich die Gäste der Kultur- und Politformate vertraglich verpflichteten, explizit wie impliziert in der Klausel, die Gesprächsführung des Talkmasters zu respektieren gerade auch wider eigene, meist klügere Einsicht.

Gehen lassen wollte nämlich zu weit: im Insistieren auf seinem Punkt, der in diesem Fall der der Leere oder gar Falschheit des Punktes seines Gegenübers war, des Kritikers Jörgen Balderauf, der zwar zuweilen – gewiss seltener, als er und seine Redaktion annahmen, dageggen stand seine Verblendung allen ökonomischen und sozialgeschichtlichen Entwicklungen der Nachkriegsgeschichte (und die Rede ist hier vom Großen Krieg, nicht von der zweiten deutschen Niederlage), aber doch alle zwei, drei Jahre, danh Klauske jeweils vergällt dadurch, dass Balderauf der Publikation im Feuilleton mit sicherem Gespür eine Auswalzung in den Umfang der ausführlicheren unter Michel de Montaignes Essays folgen ließ – einen nützlichen Gedanken zu einem der weichen Faktoren im literarischen Feld publizierte, an jenem Nachmittag der Sendungsaufzeichnung aber die von ihm gewohnten leeren Phrasen reproduzierte von einer nicht näher bestimmten Langeweile und irgendwelchen Befindlichkeiten von Nationen und Teilnationen und eben, wo es um die Lobrede ging, der angeblich so ganz und nur dieser Autor*in, hier also »diesem Autor«, konkret einem Franzosen namens David Thomas eigenen Stimme.

Wodurch sie sich denn auszeichne als »so ganz und nur« seine Stimme. »Durch einen ganz eigenen Blick auf die Welt, denke ich.« Das sei doch bloß eine Tautologie, was denn das Spezifische sei dieses »ganz eigenen« der Stimme und/oder des Blicks dieses David Thomas. »Es ist ein stiller Blick, aber intensiv und forschend, fast ethnologisch. Ein Blick auf die Menschen, besonders auf ihre unfreiwillig komischen Seiten.« Das möge dem Stil oder den Texten entsprechen oder nicht, aber was denn daran so »eigen« sei und gar »nur«, also ausschließlich diesem Thomas eigen, uns fallen Dutzende Autor*innen jeglichen Geschlechts im Genderkontinuum ein, über die gleiches schon gesagt & geschrieben wurde. »Worauf willst du hinaus, Theo?« fluchtversuchte Balderauf aus dem Ring, in dem Klauske ihn festsetzen wollte, behindert von Daniel Wechslaar im Sessel des Richters über die plötzlich ausgeweitete Kampfzone (bequeme Sessel hat man noch im Fernsehfeuilleton, immerhin) mit seinem »ja, bitte, Herr Klauske, worauf zielen Sie ab, was verlangen Sie hier?«

Belege verlange er, wenngleich nicht Be- & Nachweise, denn Sicherheit ist schwer zu erlangen, schon gar nicht naiv, aber sollte doch als Horizont zumindest angesteuert werden. Sie seien doch allesamt Germanisten hier, daher sei es doch nicht zuviel verlangt, das große Maul zuweilen zur Arbeit am Text zu öffnen, aus dem grade eben die vor den Superlativen nur knapp scheuenden Wortgäule ausgeritten wären, und wo nicht zur Arbeit am, so doch wenigstens zum Zitat aus dem Text, den man lobhudeln wollte. Das schulde man den Zuschauer*innen, letztlich den Leser*innen jeder Couleur, das erwarteten diese doch, und ganz zurecht, „von den Studierten" für die Gebühren und für ihre Zeit. Aus den Reihen der rund zwanzig Kaffeehaustischchen mit je ein bis drei Zuhörerinnen, regt sich ein einzelnes Paar Hände zum Applaus, vereinsamt aber nach drei Klatschern in einen leisen vierten, beschämt. Klauske hatte sich kurz umgewendet, überrascht, ohne jedoch abzubrechen, man würde ihm beim Atemholen womöglich das Wort entziehen, er musste subjektiv das Tempo halten. Oder verschärfen: Wo einer rund um die öffentliche Uhr so tue, als sei er unfehlbar, mache er sich doch lächerlich – »doch doch, Jörgen, lächerlich!« –, ja zum Scharlatan – »ich muss doch sehr bitten, Herr Klauske!«, aber »dooooch: zum Scharlatan! Wenn:« –, ja, wenn er noch nicht mal den kleinsten Griff, den kürzesten Hebel, irgendetwas liefere, an dem man sein Verfehlen der Tatsachen auf diesem Feld der Literatur dingfest machen könne. Legte er, Balderauf, ein, zwei Belege zu seinem Lob auf den Tisch, könnte man diese abklopfen und – unter Umständen – zurückweisen.

Theo Klauske verdrehte, ohne seine Rede zu unterbrechen, den Oberkörper nach links zur Sessellehne um eine Stofftasche hinter dieser hochzuhangeln, wobei das Studiomikrofon am Revers sein Schmirgeln & Wetzen als Rumpeln & Knacken an die Studiolautsprecher & Videodateien übertrug. Wechslaar signalisierte hinter eine der Studiokameras, man möge den Ton kappen. Dem Signal, mithin Wechslaar wurde fast sofort Folge geleistet. Klauske saß schwer atmend wieder aufrecht in seinem Sessel, eine Tasche voller Bücher auf dem Schoß, aus der er zwei holte, ein drittes, noch immer redend. Er insistierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf wissenschaftsnahen Methoden in der Literaturkritik, so dass Wechslaar, noch mit den Studiolautsprechern verbunden, ihn leicht zu übertönen vermochte: »Herr Klauske, das ist kein germanistisches Seminar hier. Wir sprechen – subjektiv wie intersubjektiv – für Autor*innen zu Leser*innen, welche ihre Lektüre ebenso subjektiv erleben. Nicht wahr, Herr Balderauf.« Der nickte kopfschüttelnd und schwieg. Wie nun auch Klauske.

*

Per Klaaßen schüttelt still den Kopf. Als Ertrag eines halben Kalenderjahres ist das zu dürftig. Man würde ein Abstellgleis dafür finden in einer der Zeitschriften des Verlags. Irgendwas rein digitales, ein e-zine, ein Hausblog, egal. Ein Zehnzeiler würde Bann zeigen, dass er die Funktion der Gelegenheitsarbeit verstanden hat, auch wenn er deren Gelegenheit nicht zu schätzen weiß.

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From: Per Klaaßen <p.klaassen@pro-eternitate.de>  
Subject: Re: Der Abend des Kritikers (final-7a-beta)  
To: AB <a.bann@elbehnon.de>  
Date: Wed, 15 Jan 2024 19:09:41 +0100  
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Lieber Ansgar Bann,

ob es funktioniert, vermag ich erst zu beurteilen, sobald ich 
mehr vom großenganzen gesehen habe. Da Sie selbst dies sub 
specie aeternitatis schreiben, werden Sie mir ein paar Tage 
einlesezeit zugestehen. Von der notwendigkeit, in Ihrem 
feld-projekt auch die lager der kritiker:innen wie der medien
zu behandeln, brauchten Sie mich nicht zu überzeugen, auch
nicht vom nutzen, die macht- & gewaltverhältnisse des feldes
auch an diesen lagern zu veranschaulichen.

Wiewohl ich keine abnahme garantieren konnte (und kann), werde
ich den ›Kritiker‹ gerne an drei organe der edition zur
prüfung und ggf. publikation weiterreichen; i. d. R. reicht
das, wie Sie wissen, so dass ich schon heute eine vorabfahne 
mit kleineren änderungsvorschlägen beilege. 

Mehrfachpublikation wird gemäß autor:innenvertrag vergütet.

Besten gruß mit erhobenem daumen:  
Per K.  




+++ FAKE dominiert meine SAMMLUNG +++  

--  
Mit freundlichem Gruß,  


Per Klaaßen  
  [ Lektorat, Autorenbetreuung ]  
.......................................  
Edition pro eternitate  
Bornholmer Straße 1232a  
10439 Berlin  
Germany  
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Tel +49 030 1256695937-0  
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mailto:p.klaassen@edition-pro-eternitate.de  
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Sitz der Gesellschaft: Berlin  
Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, HRB 7693  
Geschäftsführer: Gertrud Schwerstein, Hanno Halbtag  
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