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Karlos, die coole Ratte

Ge­sell­schafts­kri­tis­ches Pamph­let

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Tief drin im Ofenloch wohnt Karlos, die Kackratte. Von der Statur her sieht sie aus wie eine geschwungene Kackwurst, die im Klo festhängt, in der Kurve, und immer wieder hochkommt, obwohl man schon etliche Male versucht hat, sie runterzuspülen, so eine ganz hartnäckige. Braun-schwarz mit weißlichen Härchen, kleinen leuchtenden Guckaugen und langen Barthaaren. Nur die Lederjacke und die Sonnenbrille machen aus ihm eine ziemlich coole Figur, einen richtigen Hingucker, eine geile Sau (keine Rampensau, denn Karlos ist schüchtern, er war einst Schlagzeuger von Beruf).

Doch was passiert?

Romeo, der Nachbarshund, stößt eines Tages beim Schnuppern an den Hausrändern und zwischen den Löwenzähnen auf Karlos‘ Unterschlupf. Steckt seinen Kopf in das kleine Zugangsloch, eine Dachrinne ohne Schutz, und ist verblüfft, wie gemütlich es dadrin aussieht. Wie in einem warmen, mit Büchern befüllten Ofen. Die Seitenwand dient als Leinwand für eine Filmprojektion, und Karlos sitzt in einem Abstand von einem Zentimeter davor, in einem kleinen Sessel, mit einem Weinglas ohne Stil, seiner Sonnenbrille, seiner Glatze und seinem gelangweilten Blick. „Elf Minuten geb ich dem Dreck noch“, murmelt die Ratte vor sich hin, auf die sich-bewegende Wand starrend. Penelope Cruz ist zu sehen, und ein knallroter Käferkabrio, der einen Berg hinunter fährt. Romeo fällt auf, wie stilvoll Karlos sitzt, so männlich, so bereit, und doch so besonnen. Manchmal scheint die Ratte ein leichtes Grinsen zu durchfahren, das aber nicht zum endgültigen Ausdruck kommt. Romeo kann sich nicht sattsehen an den vielen Büchern im Raum, hingestapelt und gelegt an die Wände und auf dem Boden, lauter Rattenbücher, aber auch Menschliches ist dabei, und viel Gesellschaftskritisches, und ganz klein neben der Küche, wo es ein bisschen brodelt und nach Linsen riecht, alles in einem Raum wohlgemerkt, sitzt zusammengekauert ein blondes Rattenmädchen und zeichnet. Was zeichnet sie? Romeo kann es nicht erkennen. Er ist fast blind, würde man sagen, wenn man nicht wüsste, wie gut Romeo riechen kann. Oder wittern. Und empfinden.

Jedenfalls kann sich Romeo an diesem Anblick von Karlos‘ Einraumunterschlupf nicht sattsehen, auch in seinen Träumen nicht, und gerade dann stellt er sich vor, wie er Karlos anspricht und ihn fragt, ob er überhaupt so heißt, aber er muss so heißen, so ein stilvolles Wesen kann nur Karlos heißen, oder gar nicht, jedenfalls steckt Romeo jedes Mal, wenn er an der Dachrinne vorbeischlendert, für ein paar Sekunden seinen schwarzen Knäuelkopf hinein und beobachtet die Szene.

Dies ist natürlich nicht unbemerkt geblieben. Karlos und Theresa wissen genau, was Sache ist. Sie haben ihn längst bemerkt und dulden seine regelmäßigen stillen Besuche, schmunzeln über ihn, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Dass Romeo ein einsamer Schoßhund ist, der eigentlich sein Leben selbst bestimmen möchte, aber für immer an diese eine Leine gebunden ist, die von einem Menschen gezogen wird. Denn Romeo ist ein Stadthund, er gehört einem Frauchen, hat ein Menschenrudel, dem er angehört, kann nichts alleine entscheiden, und wenn er an Karlos‘ Haus vorbeischlendert, dann angebunden an seine Obligationen, an Regeln und Werke, nicht mal das Pissen kann er sich aussuchen, es muss an bestimmten Stellen geschehen, und wie und wo er geht, nur das hineinlugen in Kellerlöcher oder Dachrinnen erlaubt ihm sein Frauchen. Es nimmt sich Zeit für Romeo, und er kann gemütlich die Hauswände entlangschlendern, das ist immerhin etwas.

Nebenbei sei erwähnt: Karlos sieht überhaupt nicht wie eine Kackwurst aus; das war nur ein Aufhänger zum Provozieren und dranbleiben: damit sich das handygeile Kurzweillesepublikum nicht sofort wieder abwendet und nach einer Minute die Seite wechselt. Karlos sieht eigentlich richtig gut aus, und sogar ich, die ich dies hier schreibe, muss zugeben, dass ich mich in Karlos verliebt habe, und zwar schon, bevor mir diese Geschichte in den Sinn kam.

Jedes Mal, wenn also Romeo, der vielbehaarte schwarze kleine Hund mit dem niedlichen Blick, der davon nichts weiß und gerne ganz elegant und angsteinflößend wirken will, seinen Wuschelkopf in die Lusche steckt, entdeckt er etwas Neues, woran er sich den ganzen Tag erlabt, daran denkt, sich ausmalt, was damit passiert, wie damit umgegangen wird und wie Karlos‘ Alltag aussieht. Wie gerne wäre er doch eine kluge Ratte und nicht so ein dummer Hund! Wie gerne wäre er klein und gewitzt, eines Freundes von Karlos würdig, und könne sich neben ihn stellen, die Hand auf Karlos‘ Lederjacke gelegt, und einen der vielen Filme mitschauen, die sich die Ratte jeden Tag und jede Nacht reinzieht. Das ist ein Leben! Hölledieweißglut. Wäre ich doch nur eine Ratte, geht es ihm durch den Kopf, und es dreht sich alles, und er denkt nur an die ganz kleinen gehäkelten Topflappen an der blauen Küchenzeile, an Theresas Haar, an die Schlüpfer, die an der Decke trocknen, und daran, dass Ratten Schlüpfer tragen, ob sie wohl eine Toilette haben, wie gut es immer bei ihnen riecht, nach Futter und Schweiß und Büchern, ob die Ratten die Bücher verkochen oder darin lesen? Nie sieht er Karlos lesen. Nur Theresa, ab und an, aber sehr schnell, als hätte sie Hyperaugen, einmal las sie ein ganzes Buch in der Bruchsekunde, die Romeo bei ihnen reinschaute, und einmal fiel ihm auf, dass sie gar kein Fenster haben, dass das einzige Licht, das die Ratten haben, das Licht der angestrahlten Filme ist, die ständig laufen, und ob das Raubkopien sind? Es sind so viele alte und gute Filme dabei, ich meine, Romeo hat ja keine Ahnung von Filmen, aber er hat ein Gespür. Und dieser feingehäkelte Teppich, und diese uralte Frau, die manchmal mit einem Löwenzahn vorbeischaut, die so eine dicke Brille hat, dass man ihre Augen gar nicht darin erkennen kann, außer man schaut irgendwie hinter die Brille, diese Omaratte, ist es Karlos‘ Mutter? Wie gut sie sich alle verstehen, vielleicht, weil sie gar nichts reden, oder reden sie, und Romeo versteht sie nicht, weil es eine andere Tonlage ist? Wie gerne würde er verweilen, es ist doch so schön.

Einmal sagte der Freund seines Frauchens, Romeo zugewandt: Romeo ist kein Hund, er ist eine Ratte. Nie war Romeo so stolz gewesen.

  • 4 Jahre später –

Es regnet in Strömen, tagelang. Zwei kleine Gestalten wandeln durch die Straße der großen, stillen Stadt. Es sind Romeo und die Ratte: Karlos hält seine Lederjacke über Romeo, denn er weiß, dass der Hund den Regen nicht mag. Sie laufen durch die Straßen und erzählen sich was. Und sehen richtig cool dabei aus. Dabei fällt Romeo auf, dass er Karlos noch nie ohne Sonnenbrille gesehen hat. Dass Theresa richtig hübsch ist, wie sie konzentriert im Schreibheft versunken liest oder stundenlang Mittagsschlaf macht in dem kuscheligen Rattenbett, mitten im Filmzimmer. Ihre Augen lächeln dabei so leicht, ob sie wohl feuchte Träume hat? Ob ein Hund und eine Ratte ein Paar sein können? Ach, Romeo verwirft den Gedanken, denn Theresa gehört doch zu Karlos, und so ist es gut.

Autorin
Theresa Heyer
Strasbourg