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Das wiss­be­gie­ri­ge Hotel

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Hotels haben alle etwas gemeinsam. Was genau das ist, ist schwer zu sagen. Sind es die vielen Aufzüge, die langen Teppiche im Flur, die Gäste? Ist es dieser zitronige Saubergeruch, gemischt mit etwas Muffigem, oder sind es die überall ähnlich gekleideten Hotelbediensteten? Ist es dieses unangenehme Gefühl des „Irgendwie-gehöre-ich-hier-nicht-hin“? Oder sind es die sterilen Hotelzimmer mit der weißen Bettwäsche und den nichtssagenden Gardinen, die wie eine Art Vor-Krankenhaus anmuten, oder wie eine Vorstufe des Altersheims? Vor allem aber ist es dieses: ich fühle mich in Hotels andauernd beobachtet. Auch nach mehrmaliger Absicherung: durchs Fenster kann niemand schauen, Kameras können nirgendwo sein, das wäre mir aufgefallen, und im Bad versteckt sich auch niemand – es ist, als würde einen alles angucken.

Oder ist es die Tatsache, das jeden Moment jemand hereinkommen könnte, mit dem Vorwand, jetzt putzen zu müssen oder eine Information zu überbringen? Es ist irgendwie unklar.

Als vor in etwa drei Wochen das Schriftstellerehepaar Lara Eidinger und Knut Lehmkuhl in dieses Hotel kam, das ich „verdächtig“ nennen würde, und welches das einzige Hotel im ganzen Land war, in dem es zwei richtige Schreibtische mit Schreibstuhl gab, passierte etwas, von dem weder ich noch jemand anders nur annähernd geahnt hätte.

Während die beiden an ihren Tagebüchern schrieben, die sie jeden Montag in der Literaturzeitschrift „Wiesengrund“ veröffentlichten, und an dem sie zumeist erst Sonntag Abend gestresst zu schreiben begannen, weil sie sich irgendwie nicht so gut organisieren konnten, fiel Knut plötzlich auf, dass die Nachttischlampe ihn anschaute. Erst dachte er, es sei Einbildung, wie so vieles, was man sich als Autor von allem Möglichen irgendwann einzubilden beginnt, oder er spüre Dinge, hochsensibel wie er ist, die vielleicht übertrieben und doch grundlos empfunden worden waren. Doch die Lampe starrte ihn richtig an, das spürte er, und er sah es. Unruhig schaute er zu seiner Frau rüber, die im selben Moment unbemerkt einen Furz entweichen ließ, aber komischerweise den Eindruck hatte, jemand hätte ihn gehört – obwohl er völlig lautlos war, dieser Furz, und obwohl er keinen Geruch verursachte, und auch Knut ihn nicht bemerkt haben konnte, war sich Lara sicher, dass der Furz nicht unbemerkt blieb. Aber nein, im Raum war niemand. Beide sahen sich ängstlich um. „Was ist?“ – „Was ist?“ Verdutzt hielten sie kurz inne, schauten sich von oben bis unten an und versuchten, sich wieder aufs Schreiben zu konzentrieren.

Derweil wurden sie immer unruhiger. Knut wegen der Lampe, und Lara wegen des Gefühls, jemand hätte ihren Furz bemerkt. Knut fühlte sich nun auch von hinten beobachtet. Vorsichtig drehte er sich um und erschrak: „Da! Da sitzt er!“ – „Das ist der Spiegel, Kurtel, das bist du selbst!“ – „Achso“. Jetzt fühlte er sich schon von seinem eigenen Spiegelbild beobachtet. Und sie schrieben weiter – oder probierten es – denn sie konnten sich nun überhaupt nicht mehr konzentrieren. Vielleicht lag es daran, dass sie sich ein paar Tage zuvor mit „EVP“ beschäftigt hatten, mit Friedrich Jürgensons Buch über das Aufnehmen von Totenstimmen mit dem Tonband, dass sie womöglich noch über ihre eigene Stimme erschraken, auf jeden Fall aber über ihr Spiegelbild. Und sie versuchten, sich nicht weiter zu beunruhigen, und zwangen sich, mit ihrem Stift etwas zu kritzeln, egal was, hauptsache sie kämen wieder rein ins Schreiben.

Aber hier, in diesem Hotel, im „Hotel Faszinata“ in Prompti, nahe des Vulkans „Zuversicht“, der von einem deutschen Käferologen benannt wurde, gab es wirklich einen Grund zur Beunruhigung. Denn dieses Hotel war sehr wissbegierig. Es wollte alles wissen über die, die in ihm hausten. Es wollte sehen. wie sie nackt aussahen, wie sie sich in seinen Wänden zärtlich aneinanderschmiegten, vielleicht sogar an eine seiner Wände, wie sie sich mit der Zunge am Rücken entlangfuhren, wie sie sich am Ohr kraulten und zärtlich ihre Gesichter anstreichelten, wie sie ganz warm wurden – es wollte das alles miterleben, mitfühlen und mitempfinden. Durch die Nachtlampe, den Spiegel, die Tischdecke, den Teppichboden hindurch beobachtete es jeden einzelnen Buchstaben, der von Laras und Knuts Hand geschrieben wurde, und es wunderte sich, dass die beiden sich verstehen und sogar lieben konnten, wo sie doch so unterschiedliche Schreibstile hatten, so unterschiedliche Themen. Und überhaupt, sie sahen aus wie Mutter und Sohn und schliefen in getrennten Betten. Durch den Teppich hindurch schaute das Hotel vergnügt zwischen Laras und Knuts Beine, und überhaupt kam es den beiden so vor, als würden sie aufgefressen von den Blicken irgendeines Geistes oder von etwas, das im Stande ist, ihnen das Gefühl zu geben, sie würden andauernd beobachtet.

Nach dieser schlaflosen Nacht wurden nun auch Lara und Knut neugierig, und sie beschlossen, das Mysterium dieses Beobachtetwerdengefühls zu knacken: ihrerseits zu spannen und zu beobachten, um sich herum. Zuerst dachten sie an Geister und lauschten, oder warteten auf Zeichen aus der Glühbirne. Nichts. Sie suchten die Wände nach Kameras und Wanzen ab. Nichts. Sie provozierten ihre Umgebung mit bizarren Vogelgeräuschen, die sie nachahmten, und versuchten, sich besonders komisch zu verhalten, um eine Reaktion zu bekommen, von irgendwoher, von irgendwem, von irgendwas. Sie zogen sich an den Haaren und Beinen, inszenierten ein Tarzanstück im Schlafzimmer, furzten laut um die Wette und schlugen die Tür auf und zu. Machten den Fernseher schnell an und aus und warfen sich die Fernbedienung mit ausgeklügelten Flugtricks zu. Das Hotel war verdutzt. Solche Leute hatte es noch nie gesehen, die sich für es selbst interessierten. Es freute sich insgeheim, und die Freude wallte in ihm hoch, aber es war zu schüchtern und zu überrascht, und es versuchte daher, keinesfalls zu reagieren, denn dann flöge vielleicht alles auf und niemand würde mehr in dieses Hotel kommen, und vielleicht würde es zu Forschungszwecken nach Los Angeles geschickt und müsste sein Leben lang – also immer – mit Kabeln verklebt in einem sterilen, grellen Labor verbringen, in dem keine Menschen mehr sind, nur noch Roboter.

Plötzlich machte Knut einen dreckigen Witz. Einfach so, aus dem nichts heraus. Es ist unklar, ob es Teil der Provokationen gegen Unbekannt war, oder ob es einer seiner üblichen Witze war, um seine Frau zu erheitern, deren schelmisches Grinsen er so gerne sah. Das Hotel versuchte eine Weile, sich zusammenzureißen, aber der Witz kam so unvermittelt, so plötzlich und genau in seinen Gedanken über die Zukunft, und mitten in seiner ganzen Verdutztheit, dass das Hotel mit einem Mal bebend anfing zu lachen, aus vollem Hause, und die Schränke und Tische fielen um, der Fernseher fiel von der Wand, die Teppiche flogen um das Paar herum wie eine große, kräftige Schlange, die sie würgte, so sehr musste das Hotel lachen, denn es hatte vorher noch nie einen Witz gehört und wusste nicht, dass Witze eigentlich ganz banal sind und man sich außerdem zusammenreißen sollte, vor Leuten, denn meistens sind sie eigentlich ganz peinlich, aber das Hotel bekam sogar einen Lachkrampf, so sehr lachte es in sich hinein und aus sich heraus, provoziert vom Schreien der beiden, die so komisch klangen, dass das Hotel vor lauter Lachen rülpsen und sich übergeben musste, und es wölbte sich und bog sich nach vorne, und sämtliches Mobilar und alle Insassen fielen kopfüber aus ihm durch das aufgeplatzte Dach hinaus, und das Hotel brach sogar in der Mitte entzwei und zerquetschte das Schriftstellerehepaar. Hunderte von verschreckten Hotelgästen lagen auf ihnen, deren Ausgen so weit aufgerissen waren, dass man nicht wusste, ob sie auch tot waren, oder nur erschrocken, und plötzlich wurde es ganz still und alles sah aus wie eingefroren.

„Scheiße! Schon wieder festgefahren!“ Matze spielte dieses Level nun schon zum vierten Mal, und immer an genau dieser Stelle fror ihr Vromputer ein. „Vielleicht soll es so sein.“ – „Mama, du hast keine Ahnung“. Ob Matze wusste, dass ihre Mutter dieses Videospiel aus echten Planeten geschaffen hatte? Auf dem dies alles passierte, was sie da mit ihrer Fernbedienung in Bewegung setzte und erfand? Wussten Knut Lehmkuhl und Lara Eidinger, dass sie Figuren eines grausamen Kinderspiels aus einer anderen Dimension waren, und dass alles, was sie taten, dachten und machten, keine freien Entscheidungen waren, sondern die eines außerirdischen Kindes, das ihre Synapsen per Fernsteuerung bediente wie Marionetten? Eines aber wussten sie jetzt: Man sollte nicht zu neugierig sein im Leben.