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Ab­wehr­in­stinkt

Aus: Spiegel Sport

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Siebzehn Meter. Der Ball kommt von vorn, von wo sonst. Leicht angeschnitten. Schnell, wie sonst. Auf Höhe der rechten Schulter, steigt kaum, fällt kaum. Der linken auch, zählt nicht: eine halbe Armlänge rechts. Reiß hoch! Ball locker über die Querlatte.

„Nicht den ganzen Arm, wenn du nicht musst, Lea! Je weniger Masse, desto schneller die Bewegung.“

Fünfzehn Meter. Scharf, hüfthoch, knapp, links, knapp. Sehr scharf – Faust links+rechts! Ball locker in den Boden, Fünfereck.

„Nur einen Arm, bis ich’s anders sag, Lea! Die Faust nur bei hohen schnellen Bällen. Der war Futter für Abstauber!“

(Der war zu nah. Hätte ich gefangen. So wie die Drecksfliege.)

„Im Spiel hättstn gfangt. Jetzt nur ein’Arm.“

Fünfzehn Meter. Gram dropt den Ball, kickt den Aufsetzer, Vollspann. Scheißschnell. Steil. Crossrechts ins Kreuz. Zu schnell, Hopser rechts. Voll ins Kreuz. Hopserhüpf, Arm. Au. Ball drüber, egal wie. Aua.

„Perfekt, Lea. Aber pass aufn Daumn auf, der biegt z’leicht. Du willst kei Dehnung.“

(Scheißeweh.)

„Augen auf. Reiben hilft nix. Drei schnelle Reflexe auf links, dann Ballholn zur Erholung.“

(Reiben hilft. Acht Meter Pause. Scheißsonne; zum Glück hinter mir. Gram geht betont langsam. Gleich sagt er, ich soll nicht denken. Wieso ist’s im April schon so heiß. Handschuhe straffen, Hopp.)

„Hopp.“

Sieben Meter. Richtung Brust, links, zweieinhalb Durchmesser links, locker. Rechts ab, Arm hoch –

„Hopp.“

Ball zum Pfosten, Fokus! Ball kniehoch, schnell ab. Rechten Arm rauf: Balance, lin–

„Hopp.“

ks gehts selber runter, kopfhoch links, Ball dröppelt, lauer Lupfer, egal: nicht fangen, warten. Zum Fünfereck der andere, und hohl gewischt dem zweiten nach. Sie kullern aus, der Daumen spannt kaum noch.

(Dem zweiundfünfzigsten, seit dem Aufwärmen. »Zähl die Bälle, die du hältst, Lea, dann nimmst du jeden ernst.« Zeitlos, der Tipp. Auch fürs Training. »Gerade im Training, Lea.“ Frau Kroll. Die einzige Frau, die mich je trainiert hat. Mantra seit neun Jahren.)

„Guts Timing, Lea. Aber mach nix mit der hohln Hand, und d’Abwehr immer nach obn. Immer, wennst was denkn kannst. Unten steht einer und zack. Bälle.“

– Für dei hohle Hand häni was andersch, Lea: da steht au einer!

(Blick aufrecht. Stirn glatt.)

„Drei Runden extra aufwärmen, Zellner! Nutz dei Luft fürs Team, nicht dagegn! Ab, umziehn.“

(Da lohnt nicht mal mehr weghören: ) Schon gut, Wolfgang.

„Nix is gut. Jetzt lernt er’s noch. Die Altn aus der Erstn bringt keiner mehr zu Verstand. Du wirst um jedn Spruch froh sein, auf den keiner aufspringn kann.“

Ah-hmm …

(Stimmt, da rollen die Augen unweigerlich zum Himmel: mit all den Wirtshaushockern in einer Umkleide, mit oder ohne Separée zum Umziehen. (Allein das Wort schon …) Das ist vielleicht der blinde Fleck bei der frischen Zulassung von Frauen in die Herrenfußball ab nächstem Jahr: im Rudel sind Männer immer Ärsche. Frauen auch, aber … ja.)


Langsam sind die Jungs gekommen. Fünf, sechs. Zu Tom. Der sitzt schon immer da und immer noch da, mit seinem Omatuch, überm Nacken geknotet, vorn bis an die Augen runter, mehr Freibad als Sportplatz. Zu heiß für April. Lea zieht die Handschuhe ab, steckt sie an den Hosenbund. Siggie ist schon oben ohne, Markus eh, Angeber. Wobei: seit die Freiwilligenarbeit in Baranya rum ist, kommt Markus auch immer früher zum Training dazu, fragt fast jedes Mal was nach, zwischen den Machowitzchen. Will raus aus seiner vorgefertigten Spur: was Kaufmännisches, BWL wenn er darf, schließlich den Malerbetrieb. Da bräuchte es schon ein Erdbeben, dass der noch woanders landet. Allein schon die sieben Angestellten machen das Bleiben federleicht und das Gehen tonnenschwer. »Oder umgekehrt.« Tom verortet Gewichte genau andersrum.

Zwei Bälle links.

Wie den Wechsel zur SV Völsing, zu dem Leas Vater seit drei Jahren benzt. Seit der Scheurer zum Hauptsponsor für ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr geworden ist, hält Papa das für »deal accompli«, peinlich frenglisch. Von wegen: wenn sie weg geht, dann gleich ganz, das sagt sie seit jeher und hat sie auch dem Scheurer gesagt. »Sei nicht dumm, Lea: ein Duales Studium in meinem Konzern hält dir die Option zum halben Profi offen.« Duales Studium auf dem schmalspurigen Land, nein danke. »Und in meinen beiden Werken in Ungarn hast du das Auslandsjahr schon unter Dach & Fach, ohne dass der Fußball leidet.« Es wär leichter, würde es nicht stimmen. Und würde ihr Vater nicht ins selbe Horn blasen. »Der stellt dir eine Damenmannschaft hin, wenn’s sei muss!« Tag für Tag, als Vater-Tochter-Ding, mal mehr, mal weniger verhohlen. »Hätt der Gram den Scheurer nicht vergrault, blöd wie die Sozen halt sind, wär eh alls greglt. Und wir täten drei Klassen höher spieln.« Das stimmt. Und wiegt als Argument: dagegen. Überall regiert das Geld, wenn man es lässt.

Vier Bälle rechts.

Im FÖJ musste sie nicht entscheiden, fast ein Jahr Ruhe. Aber spätestens im Winter ist das fällig. »›Muh oder mäh?‹ fragte der Saubauer den Spargel. ›Nein danke, ich bin beides: queergestreift.‹« Toms Geblödel macht sie kichern. Der hat das Problem nicht, der geht an die Uni, sobald er sein FSJ hier im Altenheim hinter sich hat. Den hält hier wenig, auch wenn sein Vater cool ist und Bürgermeister. Im Gegenteil: was ihm Sinn gibt, ist nur woanders. Selbst wenn er nie ganz rauskommen sollte. »Ich bin Schrödingers Kater: man müsst mich anschaun, um mich sexuell zu orientieren – aber ich lass kein ran, w/m/d/q!« Außer mir. »Außer dir.«

Noch einer am Fünfereck rechts. Zwanzig vor sechs laut Stadionuhr.

Lea zieht die Handschuhe wieder an, schon fast nass innen. Sie hätte ein zweites Paar mitbringen sollen zur Extrastunde TT. Ihr Vater fragt immer wieder, warum der Gram das macht, diese Extrastunden, was der von Lea wolle, er habe wohl nicht genug zu tun als Bürgermeister. »Nicht von dir: mit dir. Statt mir.« Lea versteht nicht genau, wie Tom das meint. Aber immer, wenn sie die beiden daheim reden sieht, versteht sie, dass er es genau trifft.

„Wieviel Bälle ham wir? Schon alle fünfzehn?”

…… vierzehn.

„Bei der Eckfahn. – Lass. Den darf der Zellner holn. Viertlstund bloß noch.“

(Auch recht. Zurück ins Tor.)

„Wie gehabt: Ball fixiern, im letztmöglichn Moment reagiern.”


„Denk nicht. Schau aufn Ball. Bloß schaun.“

(Ach, denken. Träumen. Mag’s in der Pause kommen. Und wieder gehen, sagte Frau Kroll mal. Manchmal: ein Leben lang. Und weiter, schaun:)

Neunzehn Meter. Lupfer. Bogen nach links, langsam, drüber. Langsam. Fällt steil. Langsam. Eh hinter die Latte. Egal. Hoch, Arm, daneben.

„Ich werd müd. Noch die Rundn, dann kommt Tom dazu für d’Reflexketten, vorm Lauftraining: TOMMI! umziehn, Tee-tee!“

(Tom geehrt und eifrig, wie immer, den anderen zum Grinsen. Spielen will er eh nicht mehr, kommt nur noch zum Torwarttraining. Meinem. Als Sohn vom Coach fällt er nicht weiter auf.)

Neunzehn Meter. Achtzehn. Schlenzer, Richtung linken Pfosten. Wird schneller, Doppelhopser, Arm zu spät: touchiert die Elle, rutscht ins Netz.

Sch––

(eiße.)

„Egal, da drum geht’s nicht. Nicht denkn. Weiter.“

(Konzentration. Komm.)