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Nina zögert hinter der Einstiegstür der S1: nur Männer im Waggon, in Gruppen die meisten, mancher allein. Der Herbst ist zu warm, das hält die Leute draußen. Die Männer. Frauen sind um 1:47 Uhr kaum mehr unterwegs, auch nicht allein. Sie sind zuhause mit ihrer Partnerin, mit ihrem Partner, mit ihrer Katze.

Der Geruch ist erträglich. In einem Monat, zehn Grad flacher in den Sonnenzyklus rein, werden Butter- & Ameisensäure gut ein Quartal lang bestechender Grund, einen Flinkster zu mieten, trotz des Verbots von individuellem motorisiertem Personennahverkehr.

Warum alle Innenräume im Winter so dra­stisch einmuffen, wenn auch strukturell und quantitativ ähnlich besucht und gleich benutzt, bedarf einer molekularen Berechnung, für die kein Indu­striezweig je Drittmittel bereitstellen wird.

Sie steht so lange am Einstieg, dass die beiden Waggontüren zufallen. Dass der Zug abfährt. So lange, dass sie aus drei Gruppen von mindestens zwei Männern taxiert wird. Nina seufzt sich einen Ruck, flachstmöglich auch ohne Muff.

Zurückbleiben bitte.

Dääh-Üh-däh

Hmprrffmbp

Zu ihrer Rechten sitzt die einzige Frau im Waggon, eingepfercht von drei Typen, von denen zwei sie anschauen und der dritte, ihr gegenüber, über die Torsi der anderen beiden hinweg irgendwas feixt mit drei Typen auf der anderen Seite des Gangs, wo der vierte Platz für Nina ebenfalls ausscheidet. Zwei der drei schauen nicht auf den Feixer, sondern auf die Frau. Kein Platz für weibliche Solidarität. Erst zwei Viererbänke dahinter, gleich rechts hinter der Haltestange. An der Eingangstür gegenüber stehen zwei Glatzen, die starren. Links? Rechts? Nina hat als Tochter von zwei Ober:studienrät:innen nie gelernt, das zu unterscheiden und will lieber sitzen, auch wenn sich Glatzen als Jäger selten so aufdrängen wie der männliche Angestellte eines großen oder mittleren Betriebs, der nicht seiner ist. Links sind die Sitzkarrés dünner besetzt. Es gibt sogar zwei freie Bänke, leider am Ende des Waggons, doch immerhin gegenüber je nur einem einzigen Mann. Der eine liest, der andere glotzt. Immerhin nicht Nina an.

Warum muss das wichtig sein? Nina will nur in ihr Bett nach drei Gläsern Wein bei ihrer Freundin Hanne. Sie geht zwei Schritte weg von einem „Hey, Kleine, setz dich zu Uns! hier is noch ein Platz frei“, zwei weitere vorbei am selbstsicheren Grinsen zweier Weddingtürken, eines auf ihre ganzganzsicherunsichtbaren Brüste unter der grünen Lederjacke, noch auf ihre abgewandten Augen das andere. Dessen Absender portiert es ihr mit einer lang.sa.m.n Kopfwendung nach: das Sichtfeld der Augenwinkel haben nur Frauen und Queere hinreichend trainiert.

Der S-Zug bollert in einer Kurve hinterm Anhalter Bahnhof, die Ecke braucht bald Gleisarbeiten, Nina schwankt zur Seite, touchiert die linke Lehne und trippelt zwei Schrittchen zurück ins noch nachgewandte Blickfeld des Weddingtürken, als sie von hinten am rechten Oberarm gestützt wird und ihr Ohr befettet von einer kehlig affektierten Kopfstimme in rheinländischer Färbung: »Setz dich, Prinzessin, sonst fällst du noch.«

Nina ruckt den Rumpf nach vorne und dreht sich nach rechts halb rum, den rechten Fuß einen Viertelschritt zurücksetzend, die rechte Hüfte an die Lehne: »Lass das, eyyy-ey, geht’s noch?!!«

»Setz dich zu Uns, wir sind ga-anz ein-sa-am!«

Nina hätte ihre Häh-Grimasse nicht vor dem Spiegel zu üben brauchen, die Gelegenheit zerrt sie ihr übers Gesicht, während sie ihre Haltung restauriert.

Mehr neben als hinter ihr, kommt eine dritte männliche Stimme, tiefer, dunkler, ohne Verzierung, schwer zu verorten:

– Stress?

Ruhig. Gelangweilt? Nina taxiert ihn kurz, Zügel an ihrer Überraschung. Fest. Gelangweilt, trotz des Eingriffs: der Leser. Fuchsbraune Normalohaare noch ohne Grau, aus der hohen Stirn gewuschelt, nicht gegelt, über der hohen rechten Braue über zwei farbfremden Augen, einen halben Kopf nur größer als Nina Sein Buch hängt in der linken Hand, deren Zeigefinger die Seite einmerkt zwischen Daumen und Mittelfinger. Er steht nur einen Schritt entfernt, wirkt aber weit weg, den rechten Arm auf Höhe der Rippen, die Hand flach, parallel zum Boden. Den Rheinländer hört sie jetzt wieder halb im Rücken: »Was willst du, Mann? Red ich mit dir?«

– Jetzt ja.

Die Stirn des Lesers wird glatt, seine Augen werden enger, nur wenig.

Der Banknachbar des Rheinländers ist schwächer angetrunken: »Lass ma jut sein, Alter. Dit is ne Lesbe.«

Diese Häh-Grimasse hat Nina im echten Leben perfektioniert, wieder & wieder. Dass sie ausnahmsweise profitiert vom Übersprung der Rede auf sexuelle Belange, wirkt der Anöde nicht entgegen. »Was bitte? Brauchst du den sexuellen Übergriff, um dich stabil zu fühlen? Scheiße, ey.«

»Ach fick dich, du Opfer.« Niemanden interessiert mehr, an wen der Rheinländer das raunzt, bevor er sich auf den Sitz plumpsen lässt. Offenbar auch nicht ihn selbst.

Ausstieg links.

Er schlägt das linke Bein übers rechte und schaut durch Fenster dem verlangsamenden Vorbeirollen des S-Bahnhofs zu.

Die beiden Weddingtürken lachen hämisch und erweisen sich als Kreuzbergtürken durch die Wahl der Haltestelle. Nina steppt mit Links weg von ihnen und hält den Blick leer, kaum gesenkt, das Muster auf der Sitzlehne braucht keine Aufmerksamkeit, aber Nina einen Moment der Sammlung vor dem jetzt leeren Vierersitz vor ihr. Was soll der Ümschlag ins Sexuelle, wo es doch um Macht geht, um Gewalt und vielleicht auch um irgendein Bedürfnis, für das nirgends ein Platz mehr ist? Der S-Zug hält, die Türen des S-Waggons rumpeln auf.

Hmprmfbchr.

S1 – –

Zurückbleiben bitte.

Dääh-Üh-däh

Hmprrffmbp

Der Leser liest schon wieder. Der Typ im rechten Vierer starrt Ninas Spiegelung im Fenster an. Im selben Fenster zwei Meter weiter sucht der Rheinländer Ninas Spiegelblick. Sein Selbstbild kennt kein Opfer, sondern einen Jäger.

Bevor wer auch immer zusteigt, setzt Nina sich mit wenig mehr als einer Linksdrehung auf den Platz am Gang schräg gegenüber dem Leser.

Der sie in ihren Augenwinkeln zurückignoriert. Nina muss ins Leere vor sich lächeln, Hannes Sarkasmus auf der Leinwand ihres inneren Kinos, kurz nach Ostern, kurz vor ihrem ersten Kuss, als noch mehr zwischen ihnen möglich war, oder das bisschen wenig­stens noch länger: »Dein Traummann ignoriert dich also, sonst ist er’s nicht?«